Interview von Medizinjournalist Sven-David Müller, M.Sc., mit Frau Dr. med. Stephanie Grabhorn

Sven-David Müller: Wie schätzen Sie das Gesundheitsbewusstsein des Normalverbrauchers ein und wie ließe es sich gegebenenfalls verbessern?

Dr. Stephanie Grabhorn: Wissenschaftliche Studien zeigen, dass nicht nur  im Zuge der Reformen des Gesundheitswesens das Gesundheitsbewusstsein steigt und die Präventionsverantwortung zunimmt. Die Patienten sind immer mehr bereit, selbst einen Beitrag zur Gesunderhaltung zu leisten. Sie ernähren sich gesünder, nutzen Angebote der Krankenkassen und hinterfragen ihre Gesundheit. Aber es gibt noch viel zu tun. Die Aufklärung muss noch weiter verbessert werden. Es darf nicht vergessen werden, dass bei vielen Krankheiten „vorbeugen einfacher als heilen ist“ und dass der Ausspruch „Gefahr erkannt – Gefahr gebannt“ nicht nur für Krebserkrankungen gilt.

Sven-David Müller: Bei jedem sechsten Paar bleibt der Kinderwunsch unerfüllt – warum ist das so und mit welchen Maßnahmen lässt sich das in den Griff bekommen?

Dr. Stephanie Grabhorn: In Deutschland sind tatsächlich viele Paare von einem unerfüllten Kinderwunsch betroffen. Aus meiner eigenen Praxis kann ich nur berichten, dass ungewollte Kinderlosigkeit für Männer und Frauen ein großes, belastendes Thema ist. Durch Stress, Fehlernährung, Bewegungsmangel und Umweltfaktoren ist es zudem ein zunehmendes Problem. Das ist für Industriegesellschaften einfach typisch. Eine gesundheitsbewusste Lebensführung kann viele Paare zu glücklichen Eltern machen. Leider sind noch immer viele Männer davon überzeugt, dass die Ursachen der Kinderlosigkeit insbesondere bei der Frau liegen. Das ist aber keineswegs so. Medizinische Untersuchungen ergeben, dass dies lediglich in einem Drittel der Fälle zutrifft. Ebenso häufig ist der Mann verantwortlich für die ausbleibende Schwangerschaft. In den übrigen Fällen liegen die Ursachen bei beiden Partnern. Wenn sich ein Kinderwunsch nicht erfüllt, ist es also erforderlich, nach den Ursachen zu fahnden. Dafür gibt es inzwischen auch medizinische Selbsttests in der Apotheke, die Männern die Möglichkeit geben, ihre Zeugungsfähigkeit genau unter die Lupe zu nehmen.

Sven-David Müller: Was können Männer und Frauen tun, damit aus Paaren glückliche Eltern werden?

Dr. Stephanie Grabhorn: Natürlich müssen sie mit ihrem behandelnden Arzt über dieses Thema sprechen. Eine Umstellung des Lebensstils bringt in der Regel eine ganze Menge. Aber auch eine gezielte Empfängnisplanung ist wichtig. Denn die Befruchtung der Eizelle kann nur erfolgen, wenn die Gegebenheiten bei Mann und Frau optimal sind. Männer müssen über eine ausreichende Anzahl von Spermien verfügen. Das kann inzwischen sogar im häuslichen Bereich mit einem medizinischen Schnelltest ermittelt werden. Ist das Ergebnis nicht optimal, sollte der Arzt hinzugezogen werden. Bei einem negativen Ergebnis müssen sich Männer an die entsprechenden Fruchtbarkeitssprechstunden wenden. Grundsätzlich ist für die Befruchtung aber der Zeitpunkt des Eisprungs wichtig. Ein Eisprungtest aus der Apotheke gibt darüber Auskunft. Viele Frauen nutzen für den Nachweis der eingetretenen Schwangerschaft einen frei verkäuflichen Schwangerschaftstest. Die Methoden zur Bestimmung der männlichen Fruchtbarkeit, des Eisprungs und des Nachweises der eingetretenen Schwangerschaft in Form von medizinischen Selbsttests (Schnelltests) sind von ausgezeichneter Qualität, Spezifität und Sicherheit.

Sven-David Müller: Können sich Frauen auf die Ergebnisse von Eisprungtests und Schwangerschaftstests verlassen, die sie zuhause durchführen?

Dr. Stephanie Grabhorn: Die medizinischen Selbsttests gehören zu den Medizinprodukten und diese werden staatlich streng überwacht. Sowohl die Eisprungtests als auch die Schwangerschaftstests sind sicher. Das trifft natürlich auch für die Selbsttests zu, die heute in Apotheken und über Versandapotheken (Internetapotheken) zu beziehen sind.

Sven-David Müller: Angenommen, ein Ovulationstest (Eisprungtest) zeigt den LH-Anstieg und damit die empfängnisbereite Phase der Frau an - wie sollten sich Paare mit Kinderwunsch bei positivem Testergebnis verhalten?

Dr. Stephanie Grabhorn: Der Anstieg des Hormons LH geht dem Eisprung (Ovulation) unmittelbar voraus. Dieser tritt dann meist am darauffolgenden Tag ein. Da die Wahrscheinlichkeit für die Befruchtung der Eizelle am Tag vor dem Eisprung am höchsten ist, sollte das Paar also möglichst am Tag des positiven LH-Tests Geschlechtsverkehr haben. Da das Zeitfenster jedoch recht groß ist, besteht kein Anlass zur Eile. Es ist durchaus möglich, den günstigen Zeitpunkt stressfrei und ohne „Termindruck" zu nutzen. Es besteht auch kein Grund, an diesem Tag „Hochleistungssport" zu betreiben. Wenn ein Paar zum optimalen Zeitpunkt einmal „Verkehr“ hat, reicht das völlig, um schwanger zu werden.

Sven-David Müller: Wird im Laufe eines Zyklus kein Anstieg des luteinisierenden  Hormons (LH) angezeigt, sollte man dann gleich zum Arzt gehen?

Dr. Stephanie Grabhorn: Nein, jede Frau hat gelegentlich Zyklen, in denen ein Eisprung nicht stattfindet. Und bei unregelmäßigen Zyklen kann es durchaus auch passieren, dass der richtige Zeitpunkt für den LH-Test verpasst wird. Hier kann auch die zusätzliche Messung der Basaltemperatur hilfreich sein. Erst wenn in mehreren aufeinanderfolgenden Zyklen ein Eisprung nicht nachweisbar ist, sollte ein Frauenarzt aufgesucht werden, um mögliche hormonelle Ursachen abzuklären.

Sven-David Müller: Frau Dr. Grabhorn, ich bedanke mich herzlich für das Interview.